BlogDiversität in der psychedelischen Bewegung: Was kann man verbessern? (Gespräch mit Camille Barton)

Azarius

  • $

$ 0, -

0,00 $

Diversität in der psychedelischen Bewegung: Was kann man verbessern? (Gespräch mit Camille Barton)

13-12-2018

Letztes Jahr sah ich in einer Facebook Gruppe zu Trance Veranstaltungen einen Artikel über den Mangel an Diversität in der psychedelischen Bewegung mit dem Titel Why the psychedelic community is so white. Interessant! Natürlich habe ich mir die Kommentare durchgelesen. Die Hälfte war im Stil von „Wir sind alle Menschen, ich sehe keine Farben, es ist nicht notwendig, die Gemeinschaft zu teilen, Namaste“. Als queere, weisse CIS-Frau musste ich niemals Rassismus ertragen, aber ich habe mich immer schon unwohl gefühlt unter Menschen, die sich weigerten, asymmetrische Machtbeziehungen einzuräumen. Dadurch entwerten sie die Erfahrungen von anderen und behindern das Gespräch. Und das ist umso mehr der Fall in Umgebungen, in denen ich mir erwarte, dass die Leute ein wenig mehr Bewusstsein zeigen. Genau, denn Ismail Ali, Policy Fellow bei MAPS1, meint „falsche Vertretung, Marginalisierung und die Wichtigkeit von gleichen Möglichkeiten mit Leuten zu diskutieren, die niemals falsch vertreten, marginalisiert wurden oder ihnen Möglichkeiten verwehrt wurden, aufgrund ihrer Identität, ist mühsam“.

Sind wir alle eines? Frage deinen Lieblingstee!

Erfreulicherweise wollten viele Leute darüber diskutieren, welchen Herausforderungen sich die psychedelische Gemeinschaft ganz allgemein stellen muss. Für mich und die meisten Leute, die dieses Thema interessiert, haben Psychedelika mit dem Erheben des Bewusstseins zu tun, um Grenzen zu durchbrechen und eine bessere Version unserer selbst zu werden, sowohl als Individuen als auch als Gesellschaft. Die breite psychedelische Gemeinschaft, inklusive Wissenschaftler, Anwälte, Künstler und Psychonauten kann man mit einem Ökosystem vergleichen: die (Bio-) Diversität muss stark, ausgeglichen und nachgiebig sein.

Um einen ernsthaften Blick auf die psychedelische Bewegung zu werfen und Probleme bzw. Initiativen auf diesem weiten Gebiet hervorzuheben, habe ich ein Gespräch mit Camille Barton geführt. Diese Künstlerin, soziale Unternehmerin und Pädagogin für soziale Gerechtigkeit aus London übt viele Funktionen aus. Ich wollte sie zu SanQtuary, einem intersektionellen[2] Safespace für die LGBTQIA+[3] Gemeinschaft befragen, den sie beim Shambala Festival in Grossbritannien eingerichtet hatte. Ich war beeindruckt von ihrem Talent, sich zu Themen wie Pflanzenheilkunde, Politik, Selbsterforschung, Krieg gegen Drogen und soziale Gerechtigkeit zu artikulieren. Deshalb werden ihre Werke und ihre Worte im Verlauf des ganzen Artikels mehrfach erwähnt. Denn die Erforscher des Geistes wissen, dass alles zusammenhängt…

Forschung und Konferenzen: Über die weissen männlichen Professoren hinaus

Vor ein paar Jahren sahen die psychedelische Forschung und deren Konferenzen aus wie die Führungsmannschaft eines grossen europäischen oder nordamerikanischen Unternehmens: überwiegend weiss, überwiegend männlich und hauptsächlich Leute mit reicher, privilegierter Herkunft. Warum? Ohne einen Denkprozess und Antriebe, um die Teilnahme aller zu ermöglichen, spiegeln die institutionalisierten Strukturen nicht die Diversität der Gesellschaft wieder. Machtpositionen landen immer in den Händen der gleichen Personen, wodurch nur wenig Platz für andere gelassen wird, die sich zweimal so viel beweisen müssen, um die gleiche Position zu erreichen. Abgesehen von der Reproduktion der Diskriminierung, die in dieser Welt existiert, hat der Bereich der psychedelischen Forschung und deren Konferenzen seine Besonderheit: es geht um (meistens illegale) Drogen.

Viele, worunter auch Camille Barton, dachten, dass es sich beim War on Drugs um eine amerikanisches Geschichte handeln würde, bis sie das Thema erforschten. Erfahrungen und Studien zeigen, dass in Grossbritannien und Frankreich beispielsweise, farbige Personen (POC) viele eher von der Polizei verhaftet oder schikaniert werden als weisse Personen, vor allem für den „Verdacht auf Drogenbesitz“. Der War on Drugs findet nicht nur in den USA statt, sondern ist ein weltweites Problem. Die Mechanismen sind die gleichen […] Wenn eine schwarze Person in Polizeigewahrsam stirbt und die Polizei behauptet diese Person hatte Drogen dabei, wird das akzeptiert und nicht hinterfragt. Wie Ifetayo Harvey, Kommunikationsassistent bei der Drug Policy Alliance in den USA es zusammenfasst, riskieren schwarze Personen ihr Leben jeden Tag aufgrund der Tatsache, dass sie schwarz sind. Es ist kein Wunder, wenn sie zögern, öffentlich über Drogenkonsum zu sprechen!

Ausserdem fühlen sich, wenn die Forscher, Akademiker und Vortragenden, die auf einer psychedelischen Konferenz ihre Arbeit präsentieren und untereinander netzwerken, alle gleich aussehen, manche Leute vielleicht nicht behaglich genug, um teilzunehmen: Sie könnten fühlen, dass sie die einzigen seien, die „anders“ aussehen als die Mehrheit, aber auch aus einem anderen Blickwinkel denken. Die ganze Aufmerksamkeit zu erhalten ist nicht einfach, beschreibt der Basisforscher und Veranstaltungsorganisator aus London Darren Springer.

Diese Situation ist jedoch im Begriff, sich zu ändern. Die Organisatoren erhalten Feedback und Kritik und erkennen deswegen, dass sie ihre Veranstaltung integrativer machen müssen. Als Folge davon werden Diskussionen zu den verschiedenen Aspekten der Diversität organisiert. Camille Barton wurde 2017 beispielsweise zur Psychedelic Science Conference eingeladen, um ein Community Forum unter dem Titel „White Allies and Anti-Racist Practice in the Psychedelic Community“ zu leiten. Der Raum war vollständig gefüllt, ein Zeichen wirklichen Interesses, das Thema zu verstehen und sich Werkzeugen für die Umwandlung in die Tat zu ermächtigen.

Am wichtigsten ist, dass die Leute, die sich unterrepräsentiert oder nicht einbegriffen fühlen, die Initiative nehmen, um konkrete Lösungen zu pflegen. Gute Beispiele sind die Vorschläge, die von den Teilnehmern beim Community Forum gemacht wurden: Erschwingliche Eintrittskarten für Farbige und Einwohner von Oakland, das Einbeziehen von erlebten Erfahrungen in Bezug auf Identität und historischer Kontext, als Faktoren innerhalb der Forschung, oder den Einbau von verschiedenen Podiumsdiskussionen, die Themen, wie Unterdrückung, Intersektionalität und intergeneratives Trauma, erfahren von Farbigen, Ureinwohnern und LGBTQ Gemeinschaften bei zukünftigen Konferenzen berücksichtigt. Aber es kann noch mehr getan werden. Einbeziehung bei einer Veranstaltung passiert viel natürlicher, wenn auch bei den ersten Organisationsschritten bereits Leute mit verschiedenen Hintergründen, Gender und Hautfarben eingebunden sind. 

Um diesem Punkt etwas zu verdeutlichen, hier eine interessante Geschichte, die sich bei der angesehenen Transpersonal Psychology Conference in Prag im Jahr 2017 zugetragen hat. Der männliche Vorsitzende einer Podiumsdiskussion zur Zukunft der Wissenschaft wollte, dass es sich um die letzte ausschliesslich aus Männern bestehende Podiumsdiskussion in der Geschichte dieser Konferenz handle. Das löste eine ziemlich willkommene und chaotische Bewegung von Frauen im Raum aus. Manche der darauffolgenden, essentialistischen Beiträge liessen mich zusammenzucken, aber egal, Diversität bedeutet auch unterschiedliche Weltansichten. Der Punkt ist, wenn Frauen schon zu Beginn der Podiumsdiskussion anwesend gewesen wären, hätten alle von der planmässigen Diskussion mit den qualifizierten Experten profitiert.

Die letzte Podiumsdiskussion bei der Transpersonal Psychology Conference, die ausschliesslich aus Männern bestand

Irgend wie bin ich überzeugt (nennt mich Optimistin), dass sich die wirklich notwendigen Gespräche über Diversität in der Zukunft durchsetzen werden, wenn ein Thema von einer Gruppe behandelt wird, die nur einen Teil der Gesellschaft widerspiegelt. Wir sind alle dafür verantwortlich für eine Veränderung einzutreten und jene zu unterstützen, die mehr Stimmen und Meinungen in die Gespräche über die psychedelische Wissenschaft einfliessen lassen wollen. Als Ergebnis davon können wir psychedelische Substanzen besser erforschen und die Drogenpolitik reformieren, um den rassistischen War on Drugs zu beenden. Zu diesem Thema solltet ihr euch definitiv Camilles Initiative RE:GENERATE ansehen, ein Kunstfestival in Grossbritannien mit dem Fokus auf schwarze Interpreten, das sich auf die Schnittpunkte zwischen Drogenpolitik, Gleichberechtigung aller ethnischer Gruppen und Befreiung konzentriert.

Pflanzenheilkunde: Geschichte kennen, Diversität zelebrieren

Um die Diversität in der psychedelischen Bewegung anzusprechen, fand ich es auch wichtig, über die Verwendung von Pflanzenheilkunde zu sprechen. Der Grossteil des traditionellen Wissens stammt von den verschiedenen indigenen Völkern auf der ganzen Welt: z.B. von den Mazateken (Salvia Divinorum, Pilze), den Huichol (Peyote), den Babongo (Iboga), um nur von den Pflanzen zu sprechen, die erforscht, erfahren und beliebt gemacht wurden in der westlichen Welt. Auch wenn es Ähnlichkeiten zwischen der Art und Weise gibt, wie verschiedene Völker Pflanzenheilkunde gebrauchen, ihre Kosmologie, Rituale, Sprachen und Methoden sind extrem divers. Wir als Menschen, die an einem Punkt unseres Lebens vielleicht von Pflanzenheilkunde profitieren, wie können wir diese kulturelle Diversität auf respektvolle Art und Weise zelebrieren?

Als erstes sollte man die unglaublich gewalttätige Vergangenheit aller indigener Völker anerkennen, die ihnen durch die Kolonialisierung und Zerstörung ihrer Kultur durch weisse Missionare und Siedler angetan wurde. Das hilft uns dabei, aktuelle Kämpfe der indigenen Gemeinschaften auf der ganzen Welt zu verstehen. Wenn wir also von Pflanzenheilkunde profitieren wollen, um uns zu heilen, können wir das vergangene und aktuelle Leiden der Völker des Amazonas, zum Beispiel, nicht ignorieren. Ihre Länder und Rechte sind kontinuierlich von (Minen- und Landwirtschafts-) Unternehmen und Zentralregierungen gefährdet, die von Machtbeziehungen profitieren, die sie von der kolonialen Vergangenheit geerbt haben. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass ihre jetzt trendige Pflanzenheilkunde einmal als „barbarisch“ erachtet wurde.

Justina Serrano Alvarez, Shipibo Onanya. Foto von Marlon del Aguila Guerrero/CIFOR

Wir als Abendländler [4] müssen respektvoll sein und zuhören. Indigene Völker im peruanischen Amazonas organisieren sich derzeit, um auf den „spirituellen Extraktivismus“ zu reagieren und die Tatsache, dass die meisten Touristen, die kommen, um von der Medizin zu profitieren, das in Retreat-Zentren tun, die von Ausländern geführt werden und wieder abreisen, ohne Rücksicht auf jene Gemeinschaften zu nehmen, die ihre Wissen über Generationen hinweg weitergegeben haben. Letzten Sommer hat Coshikox, das repräsentative Gremium von 35.000 Shipibo, Conebo und Xetibo Menschen des peruanischen Amazonas, eine erste Versammlung der angestammten Heiler in Yarinacocha, Peru, einberufen. Diese aussergewöhnliche Versammlung führte zur Gründung der Shipibo-Konibo-Xetebo Vereinigung von Onanyabo/Urheilern und der Yarinacocha Deklaration, einem wichtigen Aufruf zu Selbstbestimmung. Hast Du jemals Ayahuasca getrunken? Hast Du oder haben Freunde von dir vor, es auszuprobieren? Dann nimm dir bitte die Zeit, um die Deklaration nach diesem Artikel zu lesen. Achtung Spoiler: Spiritualität und Politik können nicht voneinander getrennt werden und wir müssen unser Konsumverhalten hinterfragen.

Abgesehen davon, kennst Du vielleicht jemanden, der nach ein paar Wochen in Peru zu einem selbsternannten „Schamanen“ wurde. Darüber kann man natürlich lachen, wenn wir uns allerdings als Teil einer Bewegung von Bewusstsein und Fortschritt sehen, dann ist es auch unsere Verantwortung, die möglicherweise unsicheren Praktiken und die kulturelle Aneignung öffentlich abzulehnen. „Denn es werden Ressourcen von Vorfahren extrahiert, ohne diese oder ihre Nachfahren zu ehren und zu respektieren und ohne zu erkennen, was sie uns gegeben haben,“ erklärt Camille. Das kann ein kontroverses Thema sein, „denn ich glaube manchmal gehen wir nicht genügend in die Tiefe,“ fügt sie hinzu [5]. Um es einfach auszudrücken, handelt es sich um einen Mangel an Sorgfalt und Umsicht, Werte, der in unserer Gemeinschaft zentral stehen sollten.

Eine weitere Möglichkeit, wie man vermeiden kann, das Wissen anderer zu nutzen und dabei auch respektvoll mit der traditionellen, indigenen Pflanzenheilkunde umzugehen, ist es, sich mit unserer eigenen, volkstümlichen Pflanzenheilkunde (wieder) zu verbinden, wenn diese noch existent oder zugänglich ist. Erforsche die vergessenen und neuen Bräuche unserer Gegend oder unserer Vorfahren, nämlich Kräuterkunde, Hexerei und sogar Religion! Der britische Okkultist Julian Vayne gibt in seinem tollen Buch „Getting Higher“ viele Tipps, wie man seine eigenen psychedelischen Zeremonien und Rituale entwickeln kann. Ich werde auf diese wunderbare Trip-Bibel sicher noch in einem anderen Blog-Artikel zurückkommen, aber bedenke immer, dass (lokale, handgepflückte, selbst gezüchtete) Pflanzenmittel in deinem eigenen Rahmen und deiner kulturellen Umgebung vielleicht in einer „Sprache“ [6] sprechen, die deine ist. Übrigens, wenn Du etwas Französisch verstehst, dann solltest Du dir definitiv Billy Ze Kick und sein wunderbares Lied „Mangez-moi“ (Iss mich!) anhören, das 1994 Nummer 2 der Musik Charts war.

Es ist nicht notwendig, unbeholfen zu versuchen, andere Kulturen zu imitieren, wenn wir selbst zusammen neue Bräuche erfinden und dabei Spass haben können. Mit Respekt und wilder Vorstellungskraft. Alles ist möglich, wenn es darum geht eine bedeutungsvolle persönliche oder kollektive Erfahrung mit den zur Verfügung stehenden Zutaten zu erschaffen. Magic Mushrooms und Morning Glory können fast überall in Europa gezüchtet werden oder wachsen einfach wild [7]. Ausserdem sind die niederländischen magischen Trüffel ein fantastischer Ausgangspunkt, um sich damit zu beschäftigen. Ein Pluspunkt: Diese geschmackvollen, kleinen Klumpen (hmmm, verdorbene Nüsse und Batteriesäure) werden eine echte zeremonielle Herausforderung für dich sein, ausser Du bevorzugst den einfachen Tee.

Für eine integrativere Festivalkultur

Das Nachdenken über westlich aussehende, moderne Zeremonien führt mich zum letzten Gebiet, das ich in Bezug auf Diversität in der psychedelischen Bewegung ansprechen wollte. Manche Festivals und Veranstaltungen sind fantastische Orte für bewusstseinseröffnende, transformative Erfahrungen und ich würde sie schnell als psychedelisch bezeichnen: Kreative Kunst- und Musik-Zusammenkünfte, regionale Burning Man Veranstaltungen (oder „Burns“) und natürlich Psy-Trance Festivals. Ich liebe es auf diese Veranstaltungen zu gehen, denn es handelt sich um Orte, an denen spirituelle, politische, soziale Diskussionen innerhalb des Workshop-Programms stattfinden können. Ich bemerke dort auch eine breitere Aufstellung an (sichtbaren) Gender-Identitäten als beispielsweise auf einem Rock-Festival und viele Leute reisen aus verschiedenen Ländern der Welt an, um dabei zu sein. 

Auch hier sollten wir uns die gleichen Fragen stellen, wie bei den wissenschaftlichen Konferenzen. Wer organisiert diese Veranstaltung, wer tritt auf oder trägt vor und wer nicht? Und wie inklusiv sind diese Orte für Leute, die sich nicht zur Mehrheit zugehörig fühlen, wenn es um Identität geht?

Denn es trifft mich oft, wenn ich Line-Ups sehe, die fast ausschliesslich aus männlichen DJs bestehen oder wenn ich an einem Workshop oder einer Diskussion teilnehme, wo Liebe und Beziehungen nur als heterosexuell angesehen werden, ohne Abstufungen. In der breiten Festivalkultur fühlt Camille Barton, dass „die Leute sich so erleuchtet fühlen, wenn sie an diesen Orten sind, dass sie nicht berücksichtigen, wie sehr wir alle mitschuldig sind am Reproduzieren von schädlichen Mustern, die gewisse Leute ausschliessen können. Es gibt viel kulturelle Appropriation auf den Festivals, wie beispielsweise Kopfschmuck von amerikanischen Ureinwohnern.“ Wenn man oft auf (psychedelische) Festivals geht, sieht man was Camille meint wenn sie sagt „…Leute der amerikanischen Ureinwohner haben westliche Personen wiederholt gefragt, diese nicht zu tragen, da sie für sie und ihre Kultur sehr heilig sind (…) Es mangelt ganz allgemein an Sorgsamkeit für jene Gemeinschaften, aus denen diese kulturellen Relikte stammen. Es wird oft von Würdigung und Respekt gesprochen und wie wir kulturell immer Dinge geteilt haben, aber das findet 9 von 10 Mal einfach nicht statt.“ Camille beobachtet ganz allgemein eine „Dominanz weisser Privilegien und ein Unverständnis für die Arten, wie viele Menschen bei Festivals oft von Rassismus oder Mikroaggressionen betroffen sind“. 

Um mehr Fürsorge und Diskussion auf diese Festivals zu bringen, schritt sie zur Tat. „Ich bin damit aufgewachsen auf Festivals in Grossbritannien zu gehen und ich kann mich nicht erinnern, dass ich Orte für Schwule oder Queers, mit Leuten, die so aussehen wie ich, gefunden hätte. Wo es schwarze oder dunkle Personen gab, Queer-Leute, Menschen, die aus dem binären Geschlechtssystem herausstachen.“ Inspiriert durch die Arbeit von älteren Queer-Farbigen, die solche Orte in der Vergangenheit in ganz anderen Umgebungen geschaffen hatten [8], kuratierte Camille letzten Sommer das SanQtuary beim Shambala Festival in Grossbritannien. Das SanQtuary ist ein sicherer und gemütlicher Ort mit dem Augenmerk auf dem Empfangen von Leuten, die mehrfachen Unterdrückungen ausgesetzt sind. Und natürlich waren auch andere Leute willkommen!

Das SanQtuary beim Shambala Festival 2018. Foto von Angela Dennis

Das SanQtuary sieht aus und fühlt sich an wie ein „altes Grossmutterhäuschen,“ erklärt Camille, mit einem Holzofen, Teppichen und medizinischem Tee. Obwohl deine Grossmutter wahrscheinlich keine politische Bibliothek mit Büchern über Queer-Sex, radikale Liebe und Aktivismus besitzt, Stonewall Poster aufhängt und Material zur Schadensverminderung bietet. Wenn dem doch so ist, bitte kontaktiere mich, ich würde sie gerne treffen. Nach Vorträgen und Workshops tagsüber, wird das SanQtuary abends zu einem Party-Ort mit Performances und DJs. Die Besucher können Spass haben, sozialisieren, sich entspannen und Unterstützung bzw. „Informationen finden, die nützlich sind für ihre Reise,“ auch über das Festival hinaus. Üblicherweise findet eine Diskussion, die an anderen Orten des Festivals nicht geführt wird, wenn jemand mit einem kulturell angeeigneten Gegenstand das SanQtuary betreten will, relativ schnell dort statt. Das Ziel ist es nicht, jemanden zu beschuldigen oder zu beschämen, ein Zugang, wodurch Leute defensiv werden, sondern um Informationen zu teilen, die der Personen vielleicht nicht bewusst waren.

Das SanQtuary hat Unmengen positiver Rückmeldungen erhalten und viele Besucher empfangen. Camille Barton ist überzeugt davon, dass es nächstes Jahr wieder beim Shambala stattfinden wird. Ich hoffe ausserdem, dass sich dieses Konzept auch auf andere Festivals in der psychedelischen Szene ausbreitet. Orte wie das SanQtuary sind effiziente, wirklich notwendige Werkzeuge, um manchen Festival-Gehern dabei zu helfen, sich willkommener zu fühlen und für andere zu lernen und marginalisierte Geschichten zu hören, und das alles in einer wunderschönen fürsorglichen Umgebung.

Diskussionen beim SanQtuary – Foto: Angela Dennis

Um Diversität in der psychedelischen Bewegung willkommen zu heissen und zu zelebrieren, können wir verschiedene Zugänge haben. Letztendlich läuft es jedoch auf drei Schritte hinaus: Zuerst, sich der Probleme bewusst zu sein, indem man jenen zuhört, die diese aufbringen. Dann, Wege zu finden, wie man den entstandenen Schaden reparieren kann, in der Vergangenheit und in der Gegenwart, wobei die Menschen und Kulturen, die uns mit altem Wissen und Bräuchen versorgen, gewürdigt werden. Und letztendlich, zusammen zu arbeiten, um für eine diversere und lebhaftere Bewegung zu sorgen, unter der Verwendung aller Werkzeuge, die dazu notwendig sind. Lasst uns also von den Worten zu den Taten übergehen und ich höre jetzt auf zu schreiben und lasse den Künstler, Kreativen und Heiler Kufikiri Imane uns erinnern: „Diversität ist ein Luxus für alle die einbezogen sind und es handelt sich um eine Notwendigkeit für alle die ausgegrenzt sind.“

Autorin: Sonia Conchon, Eigentümerin des psychedelischen B&B Firejuice!

Anmerkungen & Quellen

  • 1 Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies.
  • 2 Intersektionalität erkennt den ineinander greifenden Charakter der sozialen Kategorisierung an. Eine Person, die mehreren diskriminierten Kategorien (Rasse, Gender, Klasse, etc.) zugehört, steht mehrfachen sich überschneidenden Problemen gegenüber.
  • 3 Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Trans, Queer, Intersex, Asexualität... und mehr! Die Welt der Gender und sexuellen Identitäten ist weit.
  • 4 Meine aufrichtige Entschuldigung wenn Du, lieber Leser, nicht aus dem Westen stammst.
  • 5 Für alle, die mehr wissen wollen, Camille bezog sich auf das The Witches Union Hall’s Zine über die kulturelle Appropriation in der Spiritualität.
  • 6 Metaphorisch gesprochen oder nicht. Egal!
  • 7 Auch wenn die psychoaktiven Morning Glory Sorten aus Mexiko stammen. 
  • 8 Wie das Black Lesbian and Gay Centre Project in Süd-London, dessen Arbeit in den 1980ern von der Thatcher-Regierung mit Gesetzen wie Section 28, „Verbot von öffentlicher Unterhaltung über Homosexualität“ vernichtet wurde! Siehe den Dokumentationsfilm „Under your nose“ von Veronica McKenzie/Reel Brit Productions.


Bist Du über 18 Jahre?

Um unseren Webshop zu besuchen musst Du bestätigen, dass Du zumindest 18 Jahre alt bist.